GERDA STEINER & JÖRG LENZLINGER

Der Zwiespalt des Einhaltens

Von Severin Hofmann, 2008

Willkommen in Aachen! Wie gefllt es Ihnen?

Ausgezeichnet! Wir freuen uns sehr, hier zu sein!

Welchen Bezug haben Sie zu Aachen?

Es ist wie immer am Anfang. Man wei nicht genau, wohin alles fhren soll und ist greren oder kleineren Zweifeln unterlegen. Das ist das Leben.

Sie sind sehr bunt gekleidet. Das gefllt mir.

Vielen Dank. Kleidung ist nur ein lapidarer Ausdruck. In unserer Welt verlagern sich stndig die Bedeutungen. Man kann sich das wie eine reversible Farbenblindheit vorstellen. Rosa ist nicht gleich rosa; auch wenn man mit groer Ausdauer dazu konditioniert worden ist. Das ist wie die rosarote Brille. Sie kann existieren oder auch nicht.

Sie meinen die Farbenverschwrung.

Farben knnen verdnnt werden und verlaufen. Verlaufen sich im Nichts oder hin zu anderen verschiedenen Farben in unendlichen Kompositionen. Rosarot wird im Falle der Brille mit dem Himmel vermischt. Das ergibt einen fr den Menschen sehr angenehmen Eindruck. Eine Art transzendenter Vorhang, mit dem Zugang zu einer anderen Realitt, einer vorraussetzungslosen Wahrnehmung, ausgelst durch - ja, ein simples Kleidungsstck.

Produzieren Sie denn Kleidung fr die Augen?

Man kann mit den Augen nicht nur sehen, sondern auch fhlen. Impulse erzeugen mit einer ungeheuren Energie fantastische Erregungsmuster. Das ist ein Zugang, der uns interessiert und dem wir auch in unserer Arbeit so manchen Platz einrumen. Es geht uns um den Reiz, der dadurch ausgelst wird. Das Auge irritiert nur zu oft. Wahrheiten werden schnell zu Unwahrheiten, Beugungseffekte reflektieren verflschende Fragmente von unscharfen Kanten. Innere Augen trauen den ueren Verwandten nicht. Bilder kommen und gehen. Knnen sehr leicht erzeugt und etwas schwerer wieder gelscht werden. Was bleibt ist eine eingebildete Bildung, die fr voll genommen wird. Da ist der Ansatz. Wir nennen ihn "Pfupf".

Meinen Sie damit Erinnerungen?

Selten gibt es etwas elastischeres, fauleres und bequemeres als Erinnerungen. Besonders, wenn sie dann so selektiv werden. Nicht selten wird ein unumstliches "Oculus non vidit, nec auris audivit" ganz lger in ein hundertausendprozentiges Auge und ein felsenfestes Ohr verwandelt. Da wird ein ganzes Konvolut an Irrglauben an die Oberflche geschwemmt. Das ist nicht so der Bringer.

Keine Guten?

Doch. Gute Erinnerungen sind wie Balsam auf der Wunde. Dennoch sind auch sie nicht gegen spezielle katadrome Eigenschaften immun. Das heit wie Swasserfische, die einfach mal ins Salzwasser auswandern.

Erinnern Sie sich gerne an Ihre frheren Besuche in Aachen?

Auf jeden Fall. Das erste Mal durften wir Achen beehren, als ein junger mit ungestmen Schaffensdrang ausgestatteter - um nicht zu sagen am Grenwahn haarscharf vorbeischrammender - Odo von Metz es sich gerade nicht nehmen lassen wollte, Aachen ein wirklich kolossales signature building vor den Latz zu knallen. Er schwamm zu diesem Zeitpunkt in seiner sogenannten Achter-Strmung und man muss sagen, stellte da tatschlich mchtig was hin. Kein Pemperl. Die Einladung zur pompsen Erffnungsparty seines architektonischen Meisterwerks nahmen wir natrlich sehr gerne an. Es wurde ein unbeschreiblich berauschendes Fest. Ein dramatisches Sofa, auf dem im Lauf der Zeit noch so mancher Promi Platz nehmen sollte, thronte erhaben an der Stirnseite, bestplatziert genau in der Sichtachse. Gewaltige Radleuchter wurden vom prachtvollen Kuppelgewlbe herabgelassen. Wrdevoll schillerten exorbitante Bronze-Applikationen im Schein von ber einer Million langhlsiger Kerzen. Exaltierte Treppentrme wechselten sich mit immensen grotesken Pfeilern ab, um gemeinsam verschlungen in einen opalisierend ausgeleuchteten Tambour zu mnden. Zu den grten Attraktionen zhlte zweifellos ein monumentaler glserner Knochenschrein, mit weit ber 1000 m2 bunten Glasflchen, in unendlicher Feinarbeit aus verspielt gemusterten Marmorsorten und erlesenstem Assuan-Granit gefertigt. Superbe Drinks wurden von anmutigen anmischen Anemonen mit bezaubernden riesigen Schmetterlingsflgeln am Rcken gereicht, ein fulminantes Buffet berwltigte selbst die prallsten Wnste und zartesten Bauchdeckchen der erlauchten Gsteschaft, whrend elysische Strudel bizarrer Musik wonnevoll durch das exquisite Ambiente wummerten. Als ganz besondere Einlage fand eine sagenhafte Vorfhrung ausgeflippter Hutmoden statt, die so gut ankam, da sie sich sogar zur Tradition entwickelte. Schlicht, eine dufte Fete.

Und dann der Vorfall.

Ja, genau. Die Festivitt verlief prchtig, bis pltzlich ein wohl schon etwas angetrunkener Witzbold, dem man nachsagte, er solle sich wiedermal die Haare schneiden, anfing, alles unaufhaltsam in lodernder Rage zu zertrmmern. Er zettelte eine monstrse Keilerei an und wirbelte erschrockene Festgste in hohem Bogen - bis fast an die Decke - durch die stattliche Halle. Man begann sich zu fragen, wer den wohl reingelassen habe, als er mit gewaltigem Gebrll dazu berging, gift- und gallespuckend immer wieder wie am Spie von Betrug und Rache zu schreien. Von einem Moment auf den nchsten war der Spuk aber dann auch wieder vorbei, dreist lie er beim Verlassen der Veranstaltung noch einen Wolf mitgehen und war ber alle Berge. Nun ja, mit den Feierlichkeiten war es dann allerdings auch vorbei.

Aber ganz vorber war es noch nicht.

Leider nein. Der Schock sa uns allen noch tief in den Knochen, als am nchsten Morgen der Tlpel, dessen Zorn sich offensichtlich noch immer nicht abgekhlt hatte, mit einer gewaltigen Ladung Sand wieder zurckkehrte. Was er damit im Schilde fhrte, haben wir nie genau herausgefunden, aber ganz sicher nichts Gutes. Wegen der Lappalie einer falschen Wegbeschreibung explodierte der nervlich nicht sehr stabile Hitzkopf aufs Neue und schleuderte sein mitgebrachtes Mineraliengranulat in einem ultimativen apokalyptischen Wutanfall auf die Erde. Ein gigantischer Haufen entstand. Anschlieend war er endgltig verschwunden. Wir haben gehrt, bis heute wre er nicht wieder in Aachen aufgetaucht.

Erfreulicherweise bis jetzt nicht. Der Haufen ist aber noch immer da. Mutiert so vor sich hin. Wie ist das bei Ihnen? In Ihren Arbeiten verndert sich auch hufig das Material in lngeren Prozessen.

Ja durchaus. Zum Beispiel kann man verschlufftes Sedimentgestein durch Zementation wunderbar in Sedimentit umwandeln. In einer etwas ausgedehnteren Zeitspanne findet eine sogenannte Diagenese statt und die lstigen Karbonate verschwinden. Im Folgenden wchst diese Melange, in der auch eine Menge Diatomeen verquirlt werden, zu Silex, oder auch Flint genannt, heran und vergrert dabei ihr Volumen um ein Vielfaches. Gerne wird diese Masse gleich nach ihrer Metamorphose mit versteinerten Geweihhmmern wieder zertrmmert. So ergibt sich auch hier ein Kreislauf. Aber allzuviel davon drfen wir fast nicht preisgeben. Das ist ja schon beinahe ein Betriebsgeheimnis.

Machen Sie das auch zuhause?

Ja sicher! Uns wchst schon mal was vom Khlschrank durchs Treppenhaus ins Wohnzimmer.

Knnte man rein theoretisch auch Speisen damit zubereiten?

Ja! (Lachen) Das wird gemacht. Zur Strkung der Muskulatur.

Sprechen wir ber Medien. Wie ist Ihr Umgang damit?

Da wird man oft falsch verstanden. Zuerst wird man in ihre "heiligen Heine" gelockt, unentwegt im Kreis gefhrt und das Gegenber versucht dann unter schrfster Beobachtung jede kleinste uerung zu deuten.

Wie darf ich das verstehen?

Es sind falsche Vertraute, die einen da an die Kandare nehmen, die vor lauter apathischer Perspektivenlosigkeit, neben selbst dem kleinsten Wechsel zwischen Trab und Galopp auch quasi den Verdauungsrhythmus in unendlicher Ausdauer und Beschrnktheit zum willkrlichen Ziel ihrer verzweifelten Durchleuchtungen und Interpretationen machen, um dann die vllig aus dem dunklen Nichts gesogenen Binsenwahrheiten mit groem Gewinn an das ungebildete Volk zu verscherbeln, es dabei absolut zu unterjochen und weiter ihre Macht auszubauen. Da darf man nicht dnnhutig sein.

Sind Sie der Meinung, da so die Geschicke so gelenkt werden?

Nun ja, manch einer knnte in einer solchen Situation der Versuchung erliegen, manipulative Manahmen zu ergreifen. Das kommt fr uns nicht in Frage. Aber heutzutage hat sich einiges gendert. Die Welt besteht aus solchen und solchen. Guten und Schlechten, Sanften und Harten, Dicken und Dnnen und so fort - das ist nichts neues. Hat es schon gegeben, war schon alles da, wird es immer geben.

Aber es lt sich doch nicht leugnen, da so vielen Menschen zu Trost und Schmerzlinderung verholfen wird.

Ja, einverstanden. Es ist ja auch gar kein soo schlechter Job. Aber, bitte, niemand sollte sich davon eine sichere Begleitung ins Totenreich erhoffen.

Die Hoffung stirbt bekanntlich zuletzt.

Ganz richtig. Man muss nur lange genug am Knochenbaum rtteln. Die zuknftigen Bischfe von China werden auch ihr Scherflein zur Befreiung der Seelen beitragen.

Da knnen wir ja beruhigt in die Zukunft blicken.

Selbstverstndlich! Das machen wir sowieso immer.

Aber zur Vergangenheit. Die Welt wurde in sieben Tagen erschaffen. Wie sehen Sie das?

Das ist wahrscheinlich totaler Kokolores. Auerdem, warum muss man das immer an dieser Sieben aufhngen? Eine in unseren Augen vllig berschtze Zahl, die viel zu lange versucht hat in der Experimental-Verhaltensforschung nicht unwesentlich Schindluder zu treiben. Und das gleich frisch frhlich im Gespann mit blau. Diese Sache mit den Nasenlchern, den Ohren, Augen und dem Mund kann sich jeder Dorfhilfspfarrer ausgedacht haben. Und bei den Sinnen mchtig den Finger auf die Waage zu legen, um um zwei auf den eigenen Namen zu erhhen, das ist schon etwas frech. Nimmt sich grundlos viel zu wichtig. Die Zicke unter den Zahlen. Eine echt ehrgeizige Kanaille, der eine uerst unglckliche Verkettung verschiedener nicht kongruenter Handlungsstrnge zwischen dem Vorgnger und dem Nachfolger schon per definitionem innewohnt.

Was ist schon Glck?

Das Glck ist ein Vogerl.

h ja. Ja, natrlich. Wie kam es zu ihrer Arbeit, "Der seltsam lchelnde Todesimmergrn"?

Diese Arbeit entstand in Kollaboration mit unserem Wiener Freund Maxi. Er war zu dieser Zeit auf dem irrsinnigen Trip, die freakigsten Gartenanlagen Europas zu entwerfen. Da ja eine unserer groen Leidenschaften die Beschftigung mit Pflanzen aller Art ist, kam er auf seiner Suche nach der Ausweitung seines ohnehin schon beeindruckend umfassenden botanischen Repertoires mit der Anfrage auf uns zu, "pflanzlich" eine neue Kreation zu wagen. Es sollte zu diesem Zeitpunkt etwas noch nie Dagewesenes geschaffen werden. Den Wienern wird - zurecht oder zu unrecht - ein gewisser Hang zum Morbiden nachgesagt. Also war sofort klar, was gemacht werden musste. Zuerst schwebte uns ein gigantischer gekochter Brokkoli mit unzhligen feinen abbrckelnden stchen vor. Aus Grnden von explodierenden parkpflegetechnischen Betriebskosten, die im Budget nicht bercksichtigt werden konnten, mussten wir das leider recht schnell wieder verwerfen, lieen uns aber von der Grundidee eines dynamisch energetischen Evergreens nicht abbringen. Nach einer konstruktivistischen Phase der Skizzierung von Anatomie und Morphologie war der Rest - eine zugegeben etwas kecke Zusammensetzung aus der Gattung der Kordaiten und Salix tristis - mehr oder weniger eine Fingerbung.

Da plaudern Sie mir jetzt ja direkt aus dem Nhkstchen...

Naja, da kann man ganz schn ins Schwrmen geraten. Die Einleitung so einer lebensspendenden Plasmolyse bei Kormophyten hat auch etwas unglaublich bombastisches. Das mssen Sie mal erlebt haben! Auf jeden Fall machten wir uns sofort an die Arbeit an der Sprossachse, verflochten zwischen Nodus und Internodus herrlich verspielte Zwiesel und versahen das Ganze mit einem dicken, toten, braunen Cortex, ein Mittelding zwischen rot- und kakaobraun, um genau zu sein. Wir dachten an vergrerte Trichome und schlielich wurden wunderbare Emergenzen daraus. Ober- und Unterseite des quifazialen Phylloms wurden mit Palisadenparenchym versehen, dazwischen das Schwammparenchym eingebaut. Dann noch zum Schutz der Epidermis etwas Cuticula aufgelagert. Aus unserem Fundus im Keller waren schnell noch verschiedene Alkaloide hervorgezaubert und sorgfltig zu einem betrenden Taxin gemixt; Taxcol-Baccatin als das auergewhnliche Extra hinzugefgt. Zur Abrundung ein kleines farbliches Finetuning mit Sudan-III-Glycerin und - fertig! Zu guter Letzt sehen wir ja alles als ein Experiment, bei dem das Faszinierende ja auch ist, da es mit einer gewissen unmglich berechenbaren Eigenstndigkeit wchst und wchst. Man hat da gottlob nur einen sehr eingeschrnkten Einfluss darauf.

Ich muss zugeben, Sie fhren mich da jetzt auf das metabiologische Glatteis.

Maxi taufte das Gewchs auf den unserer Meinung nach viel zu sperrigen Namen "Taxus baccata". Unter diesem Namen fand es weite Verbreitung, wurde bevorzugt in Grppchen unter anderem bei Friedhfen aufgestellt, was ihm den schon viel poetischeren Spitznamen "Tor zur Totenwelt" einbrachte. Auch sehr geschmeichelt hat uns, da aus dem Kormus Amulette zum Schutz gegen Dmonen gefertigt wurden. Viel zu viele Exemplare wurden spter leider von gekrnkten italienischen Kritikern einfach wieder umgemht.

Sie arbeiten viel. Haben Sie Zeit?

Zeit ist etwas sehr Schwammiges. Eigentlich etwas Weiches, das steinhart ist. Heute, in den gleich chronisch-malignen Korallenriffen ber die Landschaften wuchernden Brokomplexen vergeht sie fr viele Angestellte so langsam, als knnten sie schon einen ganzen Urwald aus ihren Tastaturen herauswachsen sehen. Ihre Bewegungen verlangsamen sich mit einer irrgeleiteten Entschleunigung bis fast zum kompletten Stillstand, die Zeit beschleunigt umgekehrt. In unserem Universum ist die Bewegung entlang eines vorgegebenen Koordinatensystems, das sich irgendjemand ausgedacht hat, nicht der einzige Weg. Wir bewegen uns lieber oft auf Dschungelpfaden rck- und gegenlufig und sind fhig die Schichtungen auf eine andere Weise zu durchdringen. Jedes Positiv hat auch ein Negativ. Man darf das nicht immer als messbaren Parameter sehen, der eine bindende Aktualitt vorschreibt; aneinandergereihte Ereignisse muss man von einander losgelst betrachten. Denn die flaumige Wolle der Zeit strickt sich so dahin. Mit etwas Glck und Geschick lt sich dieses fdenziehende Fluidum an jeder beliebigen Stelle zu jedem Zeitpunkt und -ort erfassen. Man muss nur vorsichtig damit umgehen, sonst bleibt das manchmal in der Hand kleben wie eine kalte Kartoffel und alles verdreht sich.

Wenn man Ihnen so gegenbersitzt, wird man das Gefhl nicht los, Sie schon seit Ewigkeiten zu kennen.

Ha, ha. Gerade letzten Mittwoch wurden wir wieder auf das Doppelportrait angesprochen.

Ein wohl sehr bekanntes Werk.

Das fllt schon unter die Kategorie "early works". Unser einziges Selbstportrait. Es hat ja wirklich unverhofft einen sehr lustigen Weg genommen. Eines Tages kam Frederigo Guillermo Rollador persnlich vorbei, auf der Suche nach etwas nachmittglicher Zerstreuung und einfach um ein bisschen bei uns herumzustbern. Als er in einer Ecke das Bild entdeckte, war er sofort davon entzckt. Ganz genau das hatte er schon lange verzweifelt gesucht, ohne zu wissen wonach er eigentlich gesucht hatte. Er sprach von der einzigartigen Ausstrahlung, die das Bild auf ihn habe, von Fruchtbarkeit, Geburt, Sonne, Kraft und Vitalitt, die er darin erkennen konnte. Exakt das Richtige um den Menschen endlich glcklich zu machen. Das Richtige fr seine Bewegung. Er kaufte uns das Bild ab und wir waren auch jung und glcklich. Berhmt werde er uns machen, versprach er noch beim Hinauseilen. Tatschlich reproduzierte er das Portrait an die 330.000 mal, setzte eine unheimliche Marketingmaschinerie in Gang und - er hatte sich nicht getuscht - es wurde zum Knller. Der Vorstand seiner Gemeinschaft whlte es zum Kernsymbol, das es brigens, wenn auch leicht abgendert, bis heute geblieben ist. Gewitzte Merchandisingartikelhersteller sprangen auf den Zug auf und buken Kuchen und Brotlaibe mit unserem Bild als Motiv. Uns klappten vor Staunen die Kinnladen herunter. Geschnitzte Holzsilhouetten wurden allerorts als distinguierter Schmuck fr gehobene Dachfirste angebracht. Selbst die damals boomende Wappenindustrie bediente sich bereitwillig des Portraits als Lieblingsmotiv, der Kunde wolle das so. Der Kunde wollte es auch ganz und gar so, bis es schon aberglubische Dimensionen angenommen hatte. Ein eigentlich recht genialer Werbefeldzug, wenn wir denn je im Sinne gehabt htten einen zu starten...

Sie haben auch Schuh-Design gemacht?

Ja, genau. Design ist bertrieben, wir sind einfach nach einem soliden Form-follows-function-Prinzip vorgegangen. Aber es lt uns schon manchmal schmunzeln, wenn uns das heute noch in Nieren verschraubt oder als Schokoladeriegel begegnet. Ist ja nichts schlechtes. Wie man sieht, braucht der Mensch Symbole.

Wie sieht es mit Plagiatoren so aus? Sind Sie hufig mit ihnen konfrontiert?

Wir haben schon mit extremen Fllen zu tun gehabt. Es ist nicht abzustreiten, da das ist ja beizeiten auch beraus amsant sein kann. Eine recht herzige Variante sind die blasierten Erscheinungen von profilierungsschtigen Talkshowzuseherinnen, die sich zur Verschaffung verstrkter Aufmerksamkeit ein buntes, mit Glitter und Pailletten verziertes, gedrechseltes Stuhlbein mitten auf die Stirn kleben. Sogar durch und durch verschnselte Individuen tauchen da hin und wieder aus dem Morast auf und machen sich auf kaiserlichen Sgespne-Parketten in ihren Ballettrcken ziemlich lcherlich. Sie denken zu allem berfluss auch noch, als heibltige Spanier durchgehen zu knnen, obwohl ihnen das nie jemand abnehmen wrde. Da sind staubige Wilde in Amerika, die von Herzen gern im Silberpelz rckwrts auf ihren Himmelswgen fahren. Es gibt auch die sehr angenehmen, welche, mit ausgezeichnetem Farb- und Mustergefhl, meist in Afrika beheimatet sind. Manche Sensationsschtige gehen tatschlich auf voll durchorganisierte Welttourneen, nur weil sie glauben die Kleinsten zu sein, andere wieder geben sich unverstndlicherweise den Namen eines unangenehmen Pilzes. Ja, man erlebt da manchmal schon so einiges. Sind schon einige Zuckerstckchen dabei. Aber harmlos, nur sehr sehr selten wird gestalkt.

Wrden Sie Ihre Arbeit am Lousberg als Triptychon bezeichnen?

Also jetzt kommen Sie uns schon sehr mathematisch. Allerdings haben Sie recht, man kann das durchaus tun. Drei Eier sind die Hlfte von zwei geschlten Birnen.

Diesen Bren knnen Sie mir nicht aufbinden.

(Singen) Die Bren, die Bren, ja wenn sie nicht wren! Wie Katzen strampeln sie mit ihren Tatzen und folgen den frischen Spuren der tapsigen Lemuren! Die Bren, die Bren! Wie polnische Franzosen, lauf! sonst klauen sie dir deine Hosen! Sie haben immer Hunger, die Bren, sie haben immer Durst! Libert, Fraternit, Egalit, Blutwurst!

Da kann ich Ihnen jetzt nicht ganz folgen.

Das macht nichts. Manchmal glaubt man direkt, das ist jetzt schon die Mondblindheit, der Dummkoller oder gar das Wobblersyndrom. Dinge, vor denen niemand gefeit ist. Wir klopfen auf Holz. So wie es ein listiger Krper gewohnt ist.

Apropos List. Ihre Arbeit am Hellespont wurde in sehr unterschiedlicher Weise rezipiert. Die einen sind der Meinung, eine grandiosere Holzarbeit ist noch nie entstanden, andere wiederum behaupten Sie htten wissentlich Ihre Kollegen ausgetrickst. Wie weit ist hier Lug und Trug und ausgekochter Erfindergeist von einander entfernt?

Es stellt sich hier die Frage in welches Licht man die Angelegenheit rckt. Wir sprachen eben vom Mondlicht. Man muss sich das in die Methoden der klassischen Optik transponiert vorstellen. Wie die buchstblich vielen Kche mit ihrem verdorbenen Brei. Allerdings ergeben noch so schmutzig addierte Lichtquellen ein reines, strahlendes Wei. So haben wir eine unverrckbare Ungereimtheit zwischen dem Verderben und der Unschuld.

Wie meinen Sie das?

Eine gute Arbeit hat in ihrer Entstehung auch immer viel Kontroverses an sich. Es fhrt eben nicht immer der einfachste Weg zum Ziel. Obwohl das Ziel in unserer Philosophie nur eine sekundre Rolle spielt, knnen auch wir uns einer gewissen Art von Strategie nicht entziehen, beziehungsweise trifft es eher den Punkt, wenn wir sagen, da wir einen spielerischen Umgang damit pflegen. Sehen Sie, gerade da liegt der Hase im Pfeffer: Wir haben nur beobachtet, das Beobachtete verarbeitet und dann in diese uns adquat erscheinende Form gebracht. That's it.

Halten Sie die allgemeine Auffassung, es handle sich um das perfekte Kunstwerk, obwohl es in drei Tagen "zusammengezimmert" wurde, fr berhht?

Da mssen Sie schon die besagten Experten selbst befragen.

Sie mchten also nicht nher darauf eingehen?

Wir wollen in der Tat kein Kchenlied auf eine immer nur mit Glaceehandschuhen angefasste Feelgood-Generation anstimmen. Da dieses Beispiel in solchen Ausmaen Schule machen wrde, aus dem semipubliken Raum ausbrechen knnte und ber Umwege seinen Eingang selbst in die jngsten technologischen Innovationen finden wrde, das knnten wir schlicht nicht ahnen. Unsere Intention war ja definitiv eine andere. Eine kleine Verschiebung des Blickwinkels reicht schon aus, um in diesem durch geschicktes Lobbying aufgetakelten Vexierbild das Eigentliche zu erkennen: Den entstandenen Hohlraum. Lug und Trug, wie Sie es nennen, haben in jedem Leben Platz und das mssen sie auch. Letztenendes sei noch gesagt, da wir die Beurteilung dieser Geschichte jedem selbst berlassen wollen, so berproportional wie diese Sache aufgeplustert und in vllig verzerrtem Licht dargestellt worden ist.

Also schon wieder Licht?

Ja. Es ist ja immer da und umgibt uns in allen Lebenslagen. Real oder irreal. Natrlich oder unnatrlich. Die natrliche, ursprnglich gemeinte Nacht gibt es ohnehin nicht mehr. Aber man sollte aber auch das Licht nicht berthematisieren. Es ist einfach nur ein spektrales Phnomen.

Was machen Sie nachts?

In der Regel schlafen wir eigentlich tief und fest in unseren schwebenden Betten. Doch bisweilen packt es uns, wir fliegen wild umher, legen den Menschen goldene Trume aus Porzellan in Ihre unterbewussten Stratosphren und khlende Kristalle auf die Stirn. Wir wirbeln in glitzernden Meteoritenschwrmen durch die Gegend und manchmal haben wir beim Rennen auch kurzfristig die Beine in der Luft. Verwoben in den Baukronen verwandeln wir uns in ein Meer aus Bltenblttern und treiben wie Flckchen in einer trben Flssigkeit durch das weitverzweigte Gedankengest der Gehirne, die da latent schwummrig einherwaten und unaufhrlich versuchen sich ein Abbild dessen zu schaffen, was niemals greifbar werden kann.

Verstehen Sie sich selbst als Stars?

Nein, dieser Ausdruck kommt in unserem Sprachgebrauch nicht vor. Zu Sternen haben wir in unserer Weise ein anderes differenziertes, wie auch nheres Verhltnis. Aber das wrde jetzt den Rahmen sprengen....

Wir wollen hier am Boden bleiben und ich bedanke mich herzlich fr das angenehme Gesprch!

Oh, jetzt ist die Zeit aber schnell vergangen. Das Einhalten hat doch immer etwas Zwiespltiges. Vielen Dank auch Ihnen.